Thomas Piketty, vor sich ein Namensschild, gestikuliert beim Beantworten einer Frage.

Thomas Piketty - Foto: B. Sutherton / CC BY-SA 4.0

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Gastbeitrag

/ 11. Februar 2020

Keine Anleitung zur Überwindung des Kapitalismus – aber dafür jede Menge Anregungen zum Nachdenken. Eine Rezension von Ludwig List.

 

Mit „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ist Thomas Piketty 2013 ein internationaler Bestseller gelungen. Kein Wunder, setzte sich dieses Werk doch wenige Jahre nach dem Ausbruch der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise mit der national immer stärkeren Ungleichheit von Einkommen und Vermögen auseinander. Thomas Piketty gelang damit etwas, das nur sehr wenigen SozialwissenschafterInnen vorbehalten ist: Er schaffte es, die gesellschaftliche Debatte außerhalb des akademischen Elfenbeinturms nachhaltig zu beeinflussen – Verteilungspolitik war plötzlich wieder ein Thema.

Sechs Jahre später versucht Piketty seinen Coup zu wiederholen. In seinem neuen Buch „Kapital und Ideologie“ setzt sich der französische Ökonom mit historischen Verteidigungen von gesellschaftlicher Ungleichheit auseinander. Im Vergleich zu „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ bezeichnet Piketty „Kapital und Ideologie“ als „sein bisher bestes Buch, weniger stark nur auf westliche Länder zentriert und definitiv politischer“.

„Kapital und Ideologie“ – Worum geht es?

 „Jede Gesellschaft“, so Piketty, „muss ihre Ungleichheiten begründen: Für diese Ungleichheiten müssen Begründungen gefunden werden ohne die das gesamte politische und soziale Gebäude zusammenbrechen zu droht. Jede Epoche produziert also viele sich widersprechende Diskurse und Ideologien, um Ungleichheiten, so wie sie bestehen oder bestehen sollten, zu legitimieren und mit ökonomischen, sozialen und politischen Vorgaben ein Gesamtsystem zu strukturieren. Aus dieser Konfrontation auf gleichzeitig intellektueller, institutionalisierter und politischer Ebene entstehen eine oder mehrere dominante Erzählungen, dank derer sich ungleiche Systeme an der Macht halten.“

Laut Piketty regiert in unserer heutigen Zeit insbesondere die meritokratische Erzählung: Heute bestehende Ungleichheiten sind gerecht, da sie aus einem frei gewählten Prozess entstehen, in welchem alle denselben Zugang zu Märkten und Eigentum haben und wir alle vom Reichtum der Allerreichsten profitieren – also vom Reichtum der Aktivsten, der Fleißigsten und generell der Nützlichsten. Diese Erzählung – Piketty nennt sie im Rest des Buches „Ideologie“ - ist nur eine von vielen möglichen Begründungen für heutige Ungleichheit. Die unterschiedlichen Erzählungen selbst, ihre historischen und sozio-ökonomischen Wurzeln und ihr Einfluss auf unterschiedliche Gesellschaften bis heute sind das Thema von „Kapital und Ideologie“. Damit ist die Grundidee des Buches bereits erklärt.

Pikettys Vorschläge für eine gleichere Welt:

Nachdem er sich schon seit mehreren Jahrzehnten mit Fragen der langfristigen Entwicklung von Ungleichheiten und deren statistischer Messung auseinandersetzt, kann Thomas Piketty mit umfangreichem Wissen aufwarten. Durch die Erstellung und Betreuung der „World Inequality Database (WID)“, verfügt Piketty auch über eine noch nie zuvor dagewesene Fülle an Daten, die dem Buch natürlich zugutekommen. Der Welterfolg von „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ermöglichte es dem WID-Team um Piketty, Zugriff auf Steuerdaten für viele weitere Länder zu erhalten, darunter wichtige Länder wie China, Indien oder Brasilien. Auch wenn es Diskussionen darüber gibt, wie man Ungleichheit am besten messen soll, gibt es an der Qualität der zugrundeliegenden Daten keinerlei Zweifel. Mithilfe dieser Daten hat Piketty auch einen 300-seitigen Report zu weltweiter Ungleichheit publiziert, dessen Ergebnissen er im Buch auch viel Platz einräumt.

Aber Thomas Piketty lässt es nicht auf einer Analyse der Vergangenheit beruhen, er macht konkrete Vorschläge für einen „partizipativen Sozialismus für das 21. Jahrhundert“, um die historisch gesehen extreme Ungleichheit zu verringern. Denn, so Piketty die Ungleichheit sei kein Naturgesetz und grundsätzlich politisch. Die Grundidee für Pikettys Vorschläge liegt in seiner Idee des „temporären Eigentums“: Um die unheimlich starke Vermögenskonzentration in den Händen einiger weniger zu verringern, soll der Großteil des Eigentums nicht mehr privat sein, sondern kollektiv umverteilt werden.

Konkret bedeutet das: Erstens, einer stark ausgeweiteten Mitbestimmung für ArbeiterInnen in ihren jeweiligen Betrieben (beispielsweise 50% der Stimmen) bei gleichzeitiger Einschränkung der maximalen Stimmanteile pro AktionärIn (beispielsweise auf maximal 10% der Stimmen). Zweitens, einer Kombination von stark progressiven Steuern auf Eigentum (in Pikettys Fall Vermögen und Erbschaften) und Einkommen, je nachdem über wie viel mehr Eigentum/Einkommen man verfügt als der Durchschnitt. Konkret schlägt Piketty hier einen Spitzensteuersatz von 90% bei 10.000-mal höherem Vermögen/Einkommen als der Durchschnitt vor. Und drittens, der Einführung einer einmaligen, hohen und gleichen Auszahlung dieses besteuerten allgemeinen Eigentums (beispielsweise 120.000 Euro ab 25 Jahren).

Piketty ist klar, dass diese Steuern langfristig nur auf transnationaler bis globaler Ebene durchsetzbar sind und fordert daher eine „transnationale Versammlung“ – eine Versammlung, die von den Mitgliedsländern besetzt wird. Diese Versammlung hätte das Recht, anstatt ihren Mitgliedern selbst bestimmte Steuern einzuheben, die alle treffen und auf nationaler Ebene nicht zu lösen sind (etwa Klimaschutz, Steuerflucht in Niedrigsteuerländer etc.). Wir können also davon ausgehen, dass Pikettys Vorschläge vor allem mit der Veröffentlichung der englischen Version 2020 einiges an Diskussionsstoff liefern werden.

„Kapital und Ideologie“ im Detail:

In Pikettys neuestem Werk verbinden sich gleichzeitig zwei Erzählstränge. Einerseits versucht Piketty, Ungleichheit in unterschiedlichsten Gesellschaften seit dem Mittelalter zu dokumentieren. Die große Neuigkeit dieses Buchs liegt aber in der Art, in der Piketty auf rund 1200 Seiten versucht, „Ideologien“, also Erzählungen, die bestehende Ungleichheiten innerhalb einer Gesellschaft begründen wollen, zu beschreiben und die Entwicklung unterschiedlicher Ideologien im Kontext historischer Ereignisse und ökonomischer und politischer Machtverhältnisse zu analysieren.

In beiden Fällen arbeitet Piketty zu einem großen Teil mithilfe von Statistiken. Aber wie schon in seinem letzten Bestseller beruft sich Piketty für seine Erläuterungen genauso gerne auf Parlamentsdebatten, Parteiprogramme, Zeitungsartikel und -kommentare oder akademische Texte. Von Friedrich Hayeks „Law, Legislation and Liberty“ über Texte des US-Amerikanischen Vizepräsidenten John Calhoun (“Slavery as a positive good”) bis hin zu Texten von Xi Jinping und Tweets von Donald Trump wird eine breite Palette von Beispielen dargeboten. Auch mit Zitaten aus der Literatur wird nicht gespart. Während AutorInnen wie etwa Honoré de Balzac, Jane Austen oder Carlos Fuentes hierzulande stark rezipiert werden, kommen in „Kapital und Ideologie“ auch in Europa eher unbekanntere SchriftstellerInnen wie Pramoedya Ananta Toer oder Chimamanda Ngozi Adichie vor, wenn ihre Erzählungen und Analysen Thomas Piketty dienlich sind.

Positiv hervorzuheben ist, dass „Kapital und Ideologie“ für Nicht-ÖkonomInnen geschrieben wurde. Auf den Seiten 31-62 der Einführung vermittelt Piketty den LeserInnen sowohl die nötigen Grundkenntnisse, was die Verteilung von Einkommen und Vermögen in der heutigen Welt angeht, als auch eine sehr komprimierte Zusammenfassung der darauf folgenden 1136 Seiten (alleine für diese Einführung lohnt sich der Griff zum Buch bereits!). Auch wenn Piketty nicht ohne etwas Statistik auskommt, sind diese immer gut erklärt und mit Beispielen versehen. Um „Kapital und Ideologie“ zu verstehen ist es auch nicht nötig, „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ gelesen zu haben.

Insgesamt ist „Kapital und Ideologie“ in vier Teile mit 16 Kapiteln eingeteilt:

Teil 1 („Ungleiche Systeme [„Régimes inégalitaires“] in der Geschichte“) besteht aus fünf Kapiteln und beschäftigt sich hauptsächlich mit der Entwicklung europäischer Gesellschaften, den daraus resultierenden Machtverhältnissen und deren Untermauerung oder Herausforderung durch unterschiedliche Ideologien. Kapitel 1 besteht aus einer Einführung in sogenannte „trifunktionale Gesellschaften“ [„sociétés ternaires ou trifonctionnelles“]. Diese sind laut Piketty um eine intellektuell-religiöse Klasse, eine militärisch-kriegerische Klasse und eine arbeitende Klasse, in Europa beispielsweise nach dem System „Adel – Klerus – dritter Stand“ organisiert.

Kapitel 2 präsentiert „die Gesellschaften nach europäischem Muster“ als eine Form von Gleichgewicht zwischen der Rechtmäßigkeit der intellektuellen und kriegerischen Eliten einerseits und spezifischen Machtverhältnissen andererseits. Sowohl die intellektuell-religiöse Klasse, als auch die militärisch-kriegerische Klasse verfügen über Vermögen, sowie über die politische Entscheidungsgewalt. Die Legitimation für diese Anhäufung von Vermögen und politischer Macht besteht in den politischen und religiösen Pflichten, die diese Klassen gegenüber der Gesellschaft zu erfüllen haben. Kapitel 3 fokussiert sich auf die Entstehung von „proprietären Gesellschaften“ [„sociétés de propriétaires“] und der französischen Revolution, welche versuchte eine radikale Trennung von Recht auf Eigentum (zumindest oberflächlich allen offenstehend) und dem Recht des Souverän (unter staatlichem Monopol) zu etablieren. Obwohl es in dieser Zeit Vorschläge für vergleichsweise stark progressive Steuern gab, konnten diese nicht durchgesetzt werden. Die Entstehung eines zentralisierten Staates untergrub gleichzeitig die Legitimation von Adel und Klerus. Wozu brauchen wir noch eine militärisch-kriegerische Klasse, wenn die Sicherheit durch Polizei und Armee bereitgestellt wird? Wozu brauchen wir die intellektuell-religiöse Klasse, wenn wir „Wissenschaft“ haben?

Kapitel 4 beschäftigt sich mit dem Entstehen einer „hyperkapitalistischen“, proprietären Gesellschaft im Frankreich des 19. Jahrhunderts bis zum Anfang des ersten Weltkrieges. Privateigentum und deren staatlicher Schutz wird als Schutz vor Anarchie und Enteignung legitimiert. Dies spiegelt sich in den gleichbleibenden Eigentumsverhältnissen wider.

Kapitel 5 studiert die Unterschiede in Europa im Übergang weg von der trifunktionalen hin zur proprietären Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk wird auf die Unterschiede zwischen England und Schweden gelegt. Wichtig sind Piketty hier die Möglichkeiten kollektiver Aktion und die unterschiedlichen Pfade, die sich während der Transformation der verschiedenen Gesellschaften und von unterschiedlichen Ideologien ergeben können.

Teil 2 („Die Sklavenhalter- und Kolonialgesellschaften“) besteht aus vier Kapiteln. Kapitel 6 setzt sich mit den Sklavenhaltergesellschaften auseinander, welche laut Piketty die extremste Form der Ungleichheit innerhalb der Menschheitsgeschichte darstellen. Ein besonderer Fokus wird hier auf die offizielle Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert gelegt, insbesondere auf die unterschiedlichen Formen der Entschädigungen gegenüber den SklavenhalterInnen (und niemals gegenüber den früheren SklavInnen!). Piketty zufolge sind dies gute Beispiele für die damalige fast schon Sakralisierung von Eigentum, dessen Auswirkungen wir teilweise heute noch tagtäglich erfahren. Kapitel 7 setzt sich mit der Ungleichheit innerhalb der früheren Kolonialstaaten auseinander und versucht aufzuzeigen, inwiefern diese früheren auferlegten Strukturen Auswirkungen auf die Ungleichheit heute haben, sowohl innerhalb dieser Länder als auch auf Unterschiede zwischen ihnen. Gerade in der Kolonialzeit hatten diese Länder teilweise die höchste aufgezeichnete Ungleichheit in der Geschichte der Menschheit zu verzeichnen.
 

Kapitel 8 und 9 beschäftigen sich mit derselben Frage, der Transformation der ehemaligen Kolonialländer durch die europäischen imperialistischen Großmächte. Kapitel 8 steht ganz im Zeichen Indiens, welches traditionelle Gesellschaftsteilungen ungewöhnlich stark behalten und auch durch die britische Besatzung stark kodifiziert. Kapitel 9 fokussiert sich auf den weiteren eurasischen Raum (konkret mit China, Japan und dem Iran). 

Teil 3 („Die große Transformation des 20. Jahrhunderts“) besteht aus vier Kapiteln und beschäftigt sich mit dem Zerfall der proprietären Gesellschaften Anfang des 20. Jahrhunderts. Kapitel 10 legt Gründe für diesen Zerfall dar: in den zwei Weltkriegen, der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre und in der Herausforderung durch die kommunistische Idee und die Gründung der Sowjetunion einerseits und in der allgemeinen Organisierung und teilweisen Radikalisierung der internationalen ArbeiterInnenbewegung und Sozialdemokratie andererseits. In dieser Periode liegen die Spitzensteuersätze auf Einkommen und Erbschaften weltweit um einiges höher als heute (im Falle der USA etwa zeitweise bei fast 80% beziehungsweise 90%).

Kapitel 11 folgt daher mit einer Analyse der Errungenschaften und verpassten Chancen progressiver Parteien nach dem zweiten Weltkrieg. Zu diesen verpassten Chancen, um eine stichhaltige Vision einer gerechteren Gesellschaft zu kreieren, zählen für Piketty insbesondere die Bekämpfung der Ungleichheit im Bildungsbereich und der Ausbau der Umverteilung auf internationaler Ebene über nationalstaatliche Grenzen hinaus.

Kapitel 12 steht im Zeichen der sogenannten „realsozialistischen“ Länder beziehungsweise den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Konkrete Studienobjekte sind hier Russland, China und Osteuropa. Unter bolschewistischer Herrschaft war die Einkommensungleichheit weit geringer als Westeuropa und den USA. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion drehte sich der Zusammenhang allerdings um – Russland wurde zum „ungleichsten“ der drei Länder. Eine weitere Frage innerhalb dieses Kapitels ist, inwieweit der Zusammenbruch der Sowjetunion die globale Ungleichheit befördert hat und dominante Ideologien (in Pikettys Sinn) zur Begründung von Ungleichheit verändert hat.

Kapitel 13 widmet sich der aktuellen „hyperkapitalistischen Gesellschaft zwischen Moderne und Archaik“. Piketty betont hier immer wieder, dass diese heutige Gesellschaft nicht in der Lage ist, die nötigen Schritte für eine Überwindung der bestehenden Krisen durchzuführen - insbesondere was die Themen Ungleichheit und Umwelt angeht.

Teil 4 („Die Dimensionen des politischen Konflikts neu denken“) ist der letzte Teil von „Kapital und Ideologie“ und besteht wieder aus vier Kapiteln. Zentral ist hier der strukturelle Wandel innerhalb der linken WählerInnenschichten, als auch die Abkehr der sozialdemokratischen Parteien von linker emanzipatorischer und anti-kapitalistischer Politik. Kapitel 14 studiert am Beispiel Frankreichs die sozio-ökonomischen Bedingungen für das Entstehen und Verschwinden einer gesellschaftlichen Mehrheit für stärkere Umverteilung, die überzeugend genug wirkt(e), um die Unterschicht unter einem sozialdemokratischen Banner zu vereinen. Wie Piketty nämlich zeigt, wandeln sich die französischen Sozialdemokraten nach dem zweiten Weltkrieg immer mehr von einer Partei der ArbeiterInnen zur Partei der AkademikerInnen.

Kapitel 15 untersucht die Beispiele Großbritannien und USA und findet dort dieselbe Mischung aus „Isolation, Gentrifizierung und Brahmanisierung“ [„désagrégation – gentrification – brahmanisation“]. Am Beispiel des Brexit-Referendums etwa lässt sich diese Dimension gut darstellen. Während jene mit höherem Einkommen, Vermögen und Bildung mehrheitlich klar für einen Verbleib in der Europäischen Union stimmten, war der Großteil der Schlechtergestellten für einen Austritt. Für Piketty ist dies ein Zeichen, dass sozialdemokratische und US-demokratische Parteien (Piketty vergleicht diese oftmals) mit denselben strukturellen Problemen zu kämpfen haben.

Kapitel 16 weitet Pikettys Analyse auf den Rest der Welt aus, konkret auf Osteuropa, Indien und Brasilien. Weiters setzt sich Piketty hier mit der „Falle des Sozialchauvinismus“ [„social-nativiste“], also der Kombination aus Sozialleistungen mit nationalistischem bis xenophobem Gedankengut auseinander und besteht darauf, dass diese und ähnliche Entwicklungen die Folge einer fehlenden Plattform sind, die ein egalitäres und internationalistisches Gegengewicht bildet. Kapitel 17 ist das letzte Kapitel von „Kapital und Ideologie“. Hier versucht Piketty die Lehren aus seinen Studien zu ziehen und präsentiert eine Blaupause eines „partizipativen Sozialismus für das 21. Jahrhundert. Diese besteht aus drei Grundpfeilern. Erstens, einer stark ausgeweiteten Mitbestimmung für ArbeiterInnen in ihren jeweiligen Betrieben (beispielsweise 50% der Stimmen) bei gleichzeitiger Einschränkung der maximalen Stimmanteile pro AktionärIn (beispielsweise auf maximal 10% der Stimmen). Zweitens, einer stark progressiven Besteuerung von Eigentum im Allgemeinen. Und drittens, der Einführung einer einmaligen hohen und gleichen Auszahlung dieses besteuerten allgemeinen Eigentums (beispielsweise 120.000 Euro ab 25 Jahren).

Fazit

„Kapital und Ideologie“ wirkt in vielerlei Hinsicht wie eine weiterentwickelte Form von „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Zum einen ermöglichen die neuen Daten einen tieferen Blick in die Welt außerhalb Europas und Nordamerikas, dorthin wo tatsächlich der Großteil der Weltbevölkerung lebt. Andererseits, hat Piketty auch Ergebnisse des „World Inequality Reports“, sowie Branko Milanovics „Elefantenkurve“ eingebaut und so die Diskussion „Ungleichheit innerhalb der Länder“ um das Thema „Ungleichheit zwischen den Ländern“ erweitert.

Pikettys Buch ist zweifelsfrei ein wichtiger Beitrag, um die Debatte über die immer höhere ökonomische Ungleichheit neu anzufachen und am laufen zu halten. Wie in seinem zweiten Buch legt er in seinem dritten Buch wieder einen erweiterten Datensatz dar, dessen Qualität niemand anzuzweifeln wagt. Speziell die Daten zur langfristigen Ungleichheit in den ehemaligen Kolonialländern erweitern die Erkenntnisse aus „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ um einen wichtigen Beitrag. Auch weil Institutionen innerhalb der Mainstream-Ökonomik oft nur als Black Box missbraucht werden (man denke etwa and Daron Acemoglus „Why Nations Fail“), ist Pikettys Zugang erfrischend anders (hier könnte man „Ideologie“ ebenfalls als Institution verstehen). Gleichzeitig ließe es sich gut mit dem neu erschienen „Überreichtum“ von Martin Schürz kombinieren, der beispielsweise ebenfalls Philanthropie als eines der wichtigsten Legitimationsmittel der wirklich Reichen entlarvt.
Eine der wichtigsten Lehren aus dem vorliegenden Buch ist nach wie vor die Einsicht, dass die Ungleichheit nicht vom Himmel gefallen ist, sondern von Menschen geschaffen und somit verändert werden kann. Nach Jahrzehnten der Auseinandersetzung mit Fragen der Ungleichheit fordert Piketty weitreichende Veränderungen, um möglichst viele Menschen am gesamten Reichtum Anteil haben zu lassen. Insofern ist „Kapital und Ideologie“ wichtiger denn je, denn Piketty zeigt hier nachvollziehbar auf, dass viele seiner Vorschläge viel weniger radikal sind als gedacht und oftmals schon in unterschiedlichsten Ländern erfolgreich eingesetzt wurden, um die ökonomische Ungleichheit zu senken.

Entgegen Pikettys Interviews sind seine Vorschläge keine Blaupause zur „Überwindung des Kapitalismus“, sondern lediglich Vorschläge für eine gerechtere Verteilung innerhalb des kapitalistischen Systems – und ob eine solche langfristig möglich ist, bleibt fraglich.
Aus politischer Sicht besonders spannend sind die Kapitel 11 und 14, die sich mit der Rolle der Sozialdemokratie, ihren wichtigsten Errungenschaften, aber auch ihrer zunehmenden Visionslosigkeit und dem Verhältnis zu ihrer WählerInnenschaft im Laufe des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen. In letzterem weist Piketty nach, dass sich zumindest auf europäischer Ebene die WählerInnenstruktur sozialdemokratischer Parteien stark verändert hat, von den Ärmsten der Bevölkerung ohne Zugang zu Bildung hin zu gut ausgebildeten Akademikerinnen.

Nichtsdestotrotz gibt es aus linker Perspektive durchaus berechtigte Gründe zur Kritik. Wie in seinem letzten Buch ist Pikettys theoretische Erklärung hinter seinem eindrucksvollen Datensatz eher dürftig. Sehr wichtige Begriffe wie „Kapital“ oder „Ideologie“, die zwei Begriffe des Buchtitels, werden schlecht bis gar nicht definiert und erklärt. Trotz Pikettys Behauptungen ist es überhaupt nicht klar, warum sich das Konzept (Piketty würde sagen Ideologie) eines christlich-europäischen Ständewesens auf muslimische, jüdische, konfuzianische oder buddhistische Gesellschaften inner- oder außerhalb Europas überstülpen lassen sollte. Ein weiterer Kritikpunkt ist die schwache theoretische Brücke zwischen Ungleichheit bei Einkommens- und Vermögensverteilung und politischer Macht. Sogar innerhalb der eigenen Zunft hätte Piketty hier auf deutlich mehr Quellmaterial zurückgreifen können.

Ebenso werden sich politisch interessierte nach dem Kapitel über den Übergang der feudalen hin zur kapitalistischen Gesellschaft wahrscheinlich stark enttäuscht fühlen. Zahlreiche Schlüsselmomente innerhalb dieser ebenso langfristigen wie abrupten Umwälzungen werden übersprungen. Staatliche Beschlüsse wie etwa die britischen „enclosure acts“ und die „poor law acts“ privatisierten große Teile des vormals gemeinschaftlich benutzten Landes und beendeten die Unterstützung der Ärmsten unter der Landbevölkerung. Diese und viele weitere Gesetze führten erstmals zur Bildung eines städtischen Proletariats und wurden oftmals mithilfe von ökonomischen Vorwänden durchgesetzt. Nichts von alledem findet Platz in Pikettys Erzählung, obwohl gerade solche Momente ein Paradebeispiel für seine These darstellen würden.

Die Grafik zur globalen Verteilung der CO2-Emissionen ist durchaus interessant, aber birgt die Gefahr einer geschönten Darstellung. Solange die für den europäischen Verbrauch in Asien produzierten Güter und Dienstleistungen nicht in die Berechnung einbezogen werden, hat Europa eine bessere CO2-Bilanz als tatsächlich der Fall ist. Vielleicht war dies in Pikettys Grafik berücksichtigt, aber nachvollziehbar war es nirgendwo.

Weiters hat sich Piketty als Ökonom überraschend wenig mit der Rolle der Volkswirtschaftslehre als SteigbügelhalterIn für die bestehende (und vergangene) Ungleichheit auseinandergesetzt. Hier hätte es viele mögliche Legitimationen gegeben, die zur Analyse bereitgestanden wären. Man denke nur an Thomas Malthus‘ und David Ricardos Argumente für die Streichung der Armenhilfen, die neo-klassische Gleichgewichtsbedingung, die Einkommensverteilung sei neutral und nur durch Technologie bestimmt, die qualitativ hochwertigste Propaganda Milton Friedmans in seinen berühmten Fernsehreihen, etc.

Pikettys größten Beitrag stellen sicherlich seine öffentlich zugängliche Datenbank, seine aktive Teilnahme an der öffentlichen Debatte und seine konkreten und durchführbaren Vorschläge dar. Sein drittes Buch veröffentlicht er ganz klar als Werkzeug zur Selbstermächtigung für LeserInnen außerhalb des akademischen Fachdebatte und regt zum Nachdenken an. Hierfür kann ihm nicht genug gedankt werden. Piketty hat die ersten Schritte in dieser neu angefachten Debatte getätigt. Der Rest liegt an uns.
 


Ludwig List ist Ökonom in Wien.

Anmerkung: Alle Textpassagen wurden vom Autor der Rezension persönlich aus dem Französischen übersetzt und können deshalb gegenüber dem Original Fehlinterpretationen beinhalten.

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