Banknoten aus Zimbabwe

Banknoten aus Simbabwe: Hyperinflation ist ein Problem

Discot/Public Domain

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/ 31. März 2021

Gerade in der deutschsprachigen Ökonomie scheint aktuell ein seltsam vertrauter Alarmismus ausgebrochen. Die große Inflation kommt! Das haben wir schon einmal gehört? Ja, zuletzt 2011/2012 während der Eurokrise und 2015, als die europäische Zentralbank in den Kauf von Staatsanleihen einstieg. Die rapide steigende Inflation sei unausweichlich, das Ende der Währung nah, behaupteten monetaristische Ökonomen. Sie haben sich geirrt. Denn geschehen ist nichts, der Euro bleibt stabile Weltwährung. Im Gegenteil: Die Preissteigerungen innerhalb der Eurozone, auch in Österreich, fielen historisch niedrig aus, weil die Sparpolitik der EU-Staaten ab 2011 jegliche aufflammende wirtschaftliche Dynamik vernichtete.

Eine dauerhaft hohe Inflation ist gefährlich: sie verringert den Wert bestehender Sparguthaben. Gläubiger fallen um den Wert ihrer Kredite um. Werden die zugrunde liegenden wirtschaftlichen Probleme hoher Inflationsraten (10% und darüber) nicht angegangen, kann das in Extremfällen zu Hyperinflation führen, dem Wertverlust der Währung und einer Währungsreform. Doch heute ist das so wahrscheinlich wie die Existenz von Geistern. In der letzten Dekade betrug die Inflation in der Eurozone durchschnittlich 1,2 Prozent, im letzten Jahr 0,3 Prozent. Auch in Österreich lag sie meist deutlich unter dem europäischen Zielwert von 2%. 

Nach dem Lehrbuch kommt es dann zu Inflation, wenn mehr Güter und Dienstleistungen nachgefragt werden, als angeboten werden können. Und - das ist entscheidend - die Firmen ihre Produktion selbst nach Monaten oder Jahren nicht erweitern können, wenn mehr Aufträge hineinkommen. Das war etwa in Österreich nach dem Ersten Weltkrieg der Fall, als ein auf Kriegsproduktion ausgerichteter, zerstückelter Kleinstaat ohne eigene Rohstoffe in Hyperinflation versank. Hohe Inflationsraten - keine Hyperinflation - sahen wir auch in den 70ern, als aufgrund geopolitischer Konflikte Öllieferungen abgedreht bzw. verteuert wurden. Weil starke Gewerkschaften angesichts niedriger Arbeitslosigkeit weltweit trotzdem Lohnerhöhungen durchsetzten, verfolgte damals zeitweise zu viel Geld zu wenig Güterangebot. Es kam zu einer Lohn-Preis-Spirale, in der höhere Preise höhere Löhne, und diese wiederum höhere Preise befeuern. 

Die ist heute nicht in Sicht. Worin soll denn – wenn die Pandemie überwunden ist – der Mangel bestehen, eine Zeitlang ausgelastete Flüge, vollere Hotels und Restaurants? Ein begrenzter einmaliger Preisanstieg ist dabei normal. Dass das zu dauerhafter Inflation führt, dafür ist diese spezifische Art des Konsums zu klein. Denn das meiste Geld geben Menschen für Lebensmittel, Wohnen und Verkehr aus. Weder national noch global ist ein Mangel an Arbeitskräften, Rohstoffen oder Kapital zu befürchten. Die hohe Arbeitslosigkeit wird die Lohnanstiege in Europa im Zaum halten. Wo Rohstoffpreise aktuell in die Höhe schießen, ist das ein Zeichen von Kapital auf der Suche nach Rendite, keines des Mangels.

 

Gleichzeitig haben wir Arbeitslosigkeit in Rekordhöhe. Für die Arbeitslosen und ihre Familien ist es eine existenzielle Frage, mit der Hälfte des Geldes auskommen zu müssen, es hat beträchtliche psychologische und gesundheitliche Folgen. Zu diesem Thema hört man zu wenig, zur reichlich akademischen Inflationsangst zu viel. Das Inflationsgespenst kommt indes mit einer Agenda: Einerseits lassen sich damit Finanzprodukte wie Bitcoin und Gold viel besser verkaufen. Andererseits wird ein Unbehagen über öffentliche Ausgaben und Investitionen ausgelöst. Dabei sind diese unverzichtbar, um den Wirtschaftsmotor zu starten. Die USA haben das verstanden und legen billionenschwere Konjunkturprogramme auf. In Europa fürchten wir uns dagegen lieber vor Gespenstern. Auch politisch ist das höchst problematisch. Denn Angst vor Inflation mag Vermögende zittern lassen. Doch dauerhafte Arbeitslosigkeit gefährdet die Fundamente der Demokratie, weil sie Populisten an die Macht bringt.

 

Der Text erschien zunächst am 31. März 2021 in der Tageszeitung "Die Presse".

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