

Wer am Sonntag einkaufen möchte, braucht jemanden, der dann arbeitet und dafür auf seinen freien Sonntag verzichtet. In der Debatte über die Sonntagsöffnung kommen all diese Menschen erstaunlich selten vor. Dabei geht es bei der Sonntagsöffnung eben darum, ob auch eine Verkäuferin mit ihren Kindern einen Ausflug machen kann.
Der Handelsobmann der Wirtschaftskammer Rainer Trefelik kann sich bis zu zehn Einkaufssonntage im Jahr vorstellen, NEOS-Staatssekretär Josef Schellhorn will zumindest längere Öffnungszeiten für Geschäfte, in denen die Eigentümer selbst arbeiten. Eine Sonntagsöffnung für alle plant er derzeit nicht, doch die Debatte nimmt damit an Fahrt auf. Natürlich wäre es manchmal praktisch, auch am Sonntag einzukaufen. Viele Geschäfte kämpfen zudem mit der Konkurrenz im Internet. Könnten längere Öffnungszeiten ihnen helfen? Die Forschung liefert unterschiedliche Antworten. Eine Studie über 30 europäische Länder kommt zu dem Schluss, es schafft neue Jobs. Eine andere Untersuchung aus Frankreich hingegen fand keinen nachweisbaren Zuwachs an Arbeitsplätzen.
Dazu kommt, dass die Einkäufe am Sonntag sich auf andere Standorte verschieben könnten. Dann kaufen Menschen womöglich am Sonntag im Einkaufszentrum, was sie sonst unter der Woche im kleinen Geschäft gekauft hätten. Und die möglichen zusätzliche Einnahmen müssen erst die Kosten für längere Öffnungszeiten decken. Für die Beschäftigten geht es jedenfalls um ihre freie Zeit. Und im Wesentlichen geht es um die freie Zeit von Frauen, denn sieben von zehn Menschen, die im Einzelhandel arbeiten, sind weiblich. Es sind auch Frauen, die zuhause erheblich mehr unbezahlte Arbeit als Männer stemmen. Wer längere Öffnungszeiten will, sollte deshalb erklären, wer dann die Kinder betreut. Die haben am Sonntag schulfrei, auch wenn die Mama am Dienstag ihren freien Tag hat.
Ein freier Tag ist besonders wertvoll, wenn die Menschen, mit denen man ihn verbringen möchte, ebenfalls frei haben. Für einen gemeinsamen Ausflug braucht es gemeinsame Zeit. Für ein Treffen mit Freunden auch. Ein freier Dienstag hilft wenig, wenn da alle anderen arbeiten müssen. Sonntagsarbeit soll freiwillig sein, sagt der Handelsverband. Das klingt erstmal gut. Aber wie leicht fällt ein Nein, wenn die Chefin fragt, wer einspringt? Wie frei ist die Entscheidung, wenn man jeden Euro braucht und auf Zuschläge angewiesen ist? Wer ablehnt, muss sich das auch leisten können. Und natürlich arbeiten viele Menschen schon jetzt am Sonntag. Kranke Menschen brauchen jeden Tag Pflege, auch Züge und Öffis müssen fahren. Diese Tatsache ist aber kein Argument dafür, noch mehr Menschen den gemeinsamen freien Tag zu nehmen.
Unser Wohlstand lässt sich auch daran messen, wie viel Zeit wir füreinander haben. Offene Geschäfte bringen den einen mehr Bequemlichkeit. Die anderen verlieren womöglich ihren einzigen gemeinsamen freien Tag mit der Familie. Der Sonntag der Verkäuferin ist aber genauso viel wert wie unserer.
Dieser Text erschien zuvor als Gastkommentar im Kurier.