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Erben statt Arbeiten

Barbara Schuster
04. November 2026
Erben statt Arbeiten

„Leistung muss sich wieder lohnen“ – dieses neoliberale Dogma wird regelmäßig von ÖVP, NEOS, FPÖ, WKO und Gleichgesinnten in die Welt posaunt. In der Debatte geht es dabei immer um die Besteuerung von Arbeitseinkommen. Doch der Aufschrei bei leistungslosen Erbschaften, die in Österreich seit 18 Jahren steuerfrei von Generation zu Generation weitergereicht werden, bleibt aus.

Dabei zeigen die Daten der Österreichischen Nationalbank: Wer in Österreich mehr besitzt und mehr erbt, arbeitet im Durchschnitt weniger als Menschen, die nichts erben.

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit unter allen unselbstständig Beschäftigten beträgt 35,9 Stunden. Arbeitnehmer:innen ohne Erbschaft arbeiten etwas mehr, nämlich 36,6 Stunden. Jene, die im Laufe ihres Lebens bereits eine Erbschaft erhalten haben, arbeiten jedoch nur 34,7 Stunden. Auf ein Jahr gerechnet entspricht das einer Lücke von rund 100 Stunden – also fast 3 Wochen, die Erbende zusätzliche Freizeit haben. Die geringere Arbeitszeit von Erbenden bleibt auch nahezu über die gesamte Vermögensverteilung unter jener von Nicht-Erbenden.

Das bedeutet nicht, dass eine Erbschaft automatisch dazu führt, weniger zu arbeiten. Arbeitszeit hängt von vielen Faktoren ab. Aber Vermögen schafft Handlungsspielräume. Wer ein Haus oder ein großes Vermögen erbt, ist finanziell abgesichert und kann seine Arbeitszeit leichter reduzieren.

Die Frage ist, warum ausgerechnet jene, die ihr Einkommen durch eigene Arbeit erzielen, einen größeren Beitrag leisten sollen als jene, die Millionenvermögen ohne eigene Leistung übertragen bekommen. Wer Leistung entlasten will, sollte nicht länger nur über die Steuern auf Arbeit reden. Eine Wiedereinführung der Erbschafts- und Schenkungssteuer mit Freibeträgen könnte kleine und mittlere Erbschaften verschonen und gleichzeitig sehr große Vermögensübertragungen an der Finanzierung des Sozialstaats beteiligen. Wer also wirklich will, dass sich Leistung lohnt, sollte endlich darüber reden, warum sich Erben aktuell mehr lohnt als Arbeiten.

Dieser Text erschien zunächst als Gastkommentar in der Tiroler Tageszeitung.

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