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Arbeitslosengeld unter der Armutsgefährdungsschwelle

Jakob Sturn
27. April 2023
Arbeitslosengeld unter der Armutsgefährdungsschwelle

Anlässlich des Tags der Arbeitslosen am 30. April hat das Momentum Institut die Bezugshöhe der Arbeitslosenunterstützung in Österreich im Jahr 2022 analysiert. Trotz positiver Entwicklungen am Arbeitsmarkt sind aktuell rund 334.000 Menschen erwerbsarbeitslos bzw. in Schulung. Während die meisten Sozialleistungen seit diesem Jahr an die Inflation angepasst werden, ist das beim Arbeitslosengeld nicht der Fall. Den starken Preissteigerungen für Wohnen, Heizen und Lebensmittel sind Erwerbsarbeitslose dennoch ausgesetzt.

Die Analyse der Daten des Arbeitsmarktservices zeigt: 2022 betrug die mittlere Arbeitslosenunterstützung nur rund 973 Euro. Das sind 419 Euro unter der Armutsgefährdungsschwelle und sogar rund 30 Euro weniger als noch im Jahr 2021. Erwerbsarbeitslose sind damit die absoluten Verlierer:innen der aktuellen Teuerung. Trotz der rasanten Preissteigerungen hat sich die mittlere Arbeitslosenunterstützung gegenüber dem Vorjahr nicht gesteigert, sondern sogar verringert. 91 Prozent der Bezieher:innen von Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe beziehen eine Unterstützung unter der Armutsgefährdungsschwelle (Grenze für 1-Personen-Haushalt). Grund dafür ist einerseits die fehlende Anpassung des Arbeitslosengeldes an die Inflation, andererseits waren Besserverdiener:innen 2022 weniger von Arbeitslosigkeit betroffen als 2021, was die Bezugshöhe im Mittel etwas nach unten gedrückt hat.

Das mittlere Arbeitslosengeld ist 400 Euro unter der Armutsgefährdungsschwelle

 

 

Arbeitslosengeld unter der Armutsgefährdungsschwelle

Weil sich das Arbeitslosengeld auf Basis des zuvor verdienten Lohns berechnet, finden sich Lohndiskriminierungen, die es am Arbeitsmarkt gibt, auch bei der Arbeitslosenunterstützung wieder. Sowohl der Gender-Pay-Gap, – also der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen – als auch der Migrant-Pay-Gap – der Unterschied zwischen Menschen mit und ohne österreichische Staatsbürgerschaft – sind bei der Arbeitslosenunterstützung bemerkbar. Wird eine Person am Arbeitsmarkt diskriminiert und bekommt aufgrund des Geschlechts oder der Herkunft schlechter bezahlt, wird auch entsprechend weniger Arbeitslosengeld an sie ausbezahlt. Diskriminierung im Erwerbsleben wird in der Arbeitslosigkeit somit weiter einzementiert. Eine Frau ohne österreichischen Pass erhält im Durchschnitt eine um 22 Prozent geringere Arbeitslosenunterstützung als ein österreichischer Mann. Etwa 14 Prozentpunkte sind dabei auf den Geschlechtsunterschied zurückzuführen, der Rest auf den Unterschied bei der Nationalität.

Das Arbeitslosengeld ist für Frauen und Personen ohne österreichischer Staatsbürgerschaft geringer

Arbeitslosengeld bei Nicht-Österreichern geringer

Und auch das Arbeiten in gut bezahlten Branchen schützt Betroffene im Durchschnitt nicht vor der Armutsgefährdung. In allen Branchen liegt die durchschnittliche Arbeitslosenunterstützung unter der Armutsgefährdungsschwelle. Am höchsten ist die durchschnittliche Arbeitslosenunterstützung für ehemalige Beschäftigte aus der Finanz- und Versicherungsbranche. Erwerbsarbeitslose aus der Branche Erziehung und Unterricht beziehen im Schnitt das geringste Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe.

Das Arbeitslosengeld ist in jeder Branche unter der Armutsgefährdungsschwelle. Am höchsten ist es in der Finanz und Versicherungsbranche. Am geringsten ist es in der Branche Erziehung und Unterricht.

Arbeitslosengeld in jeder Branche unter Armutsgefährdungsschwelle

Dass in dem Land mit der sechsthöchsten Wertschöpfung pro Kopf 91 Prozent der Arbeitslosen eine Unterstützung unter der Armutsgefährdungsschwelle (Grenze für 1-Personen-Haushalt) bekommen, gleicht einem Armutszeugnis. Das österreichische Arbeitslosengeld ist im internationalen Vergleich gering. Das Momentum Institut empfiehlt das Arbeitslosengeld von aktuell 55 Prozent des letzten Nettoeinkommens auf 70 Prozent zu erhöhen. Ebenfalls sollte die Notstandshilfe in der vollen Höhe des Arbeitslosengeldes ausbezahlt werden. Außerdem sollte jenen Menschen eine Perspektive geboten werden, die langzeitarbeitslos sind und oft auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Stelle mehr finden. Eine bundesweite Ausrollung des Jobgarantieprojekts „MAGMA“ des AMS Niederösterreichs wäre ein geeignetes Instrument dafür.

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