

Die Debatte über die EU-Lohntransparenzrichtlinie erinnert an jemanden, der drei Jahre lang weiß, wann eine Aufgabe fällig ist, und eine Woche vor der Deadline plötzlich empört fragt, woher diese Aufgabe kommt.
Die Richtlinie wurde 2023 beschlossen. Die Umsetzungsfrist endet am 7. Juni 2026. Das Datum steht seit Jahren fest. Trotzdem wird diskutiert, als hätte Brüssel über Nacht ein Bürokratiemonster vor die Tür der österreichischen Wirtschaft gestellt. Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung und Teile der Politik warnen vor Belastungen und Berichtspflichten. Die Aufregung kommt spät.
Dabei geht es um ganz Grundsätzliches. Beschäftigte sollen erfahren können, ob sie fair bezahlt werden. Wer sich bewirbt soll schon vor einem Vorstellungsgespräch von der Gehaltsspanne wissen. Unternehmen müssen größere Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern offenlegen und erklären können.
Die Dimension der Debatte steht im Missverhältnis zur Realität. Nach Berechnungen des Momentum Instituts wären von den Berichtspflichten weniger als zwei Prozent der hiesigen Unternehmen betroffen. Österreich besteht überwiegend aus Klein- und Kleinstbetrieben. Die Regelungen treffen vor allem große Unternehmen, mit Personalabteilungen, Lohnverrechnung und umfangreichen Datensystemen. Darin arbeiten knapp 40 Prozent aller Beschäftigten. Das „Bürokratiemonster“ ist wählerisch: Die Greißlerei bleibt verschont. Nur der Konzern muss erklären, wie seine Löhne zustande kommen.
Genau daran entzündet sich der Widerstand. Lohntransparenz macht sichtbar, was bislang verborgen blieb. Der Informationsvorsprung schwindet, Vergleichsmöglichkeiten wachsen. Beschäftigte erhalten bessere Verhandlungsgrundlagen.
Österreich hat eine der größten Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen in der EU. Vor diesem Hintergrund wirkt die Prioritätensetzung merkwürdig. Über Formulare wird leidenschaftlich diskutiert, über die Kosten der Ungleichheit nicht.
Transparenz schließt die Lücke nicht über Nacht. Sie sorgt aber dafür, dass Unterschiede sichtbar werden. Und Sichtbarkeit ist meist der erste Schritt zur Veränderung.
Dieser Gastkommentar erschien zunächst in der Tiroler Tageszeitung.