Ein Weltspartag ohne Zinsen
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/ 30. Oktober 2020

Am 31. Oktober schreien nicht nur die Geister von Halloween. Noch lauter vernimmt man das Wehklagen der Sparer über niedrige Zinsen. Traditionell pilgern sie am Weltspartag in die Banken und legen Geld aufs Sparbuch, um kleine Geschenke einzuheimsen.

Früher, heißt es, hätte man noch vernünftige Zinsen am Sparbuch bekommen. Warum ist das heute nicht mehr so?

Die Zinsen sind niedrig, weil die Wirtschaft während Corona darnieder liegt. Wegen fehlendem Einkommen können Arbeitslose und Kurzarbeiter nicht konsumieren. Reichere Haushalte wiederum wollen nicht, solange die gesundheitliche Situation so angespannt bleibt.

Das zurückgehaltene Geld landet bei den Banken, doch Abnehmer findet es nicht. Kreditwürdige Firmen, die investieren wollen, sind Mangelware. Die langfristigen Zinsen bleiben deshalb auf absehbare Zeit niedrig. Das ist zwar bitter für mehr oder weniger vermögende Sparer, setzt aber volkswirtschaftlich das richtige Signal, doch bitte mehr Geld auszugeben.

Richtig ist der Einwand, dass die Zinsen schon vor Corona niedrig waren.

Wie kam es dazu? Durch den Crash der entfesselten Finanzmärkte 2001 sowie 2008/2009 und den darauffolgenden Absturz der realen Wirtschaft sahen sich die Notenbanken gezwungen, die Zinsen für kurzlaufende Kredite stark zu senken. Aus dieser Abwärtsspirale kam Europa nie wieder heraus. Zunächst blieben die Konjunkturpakete der europäischen Staaten gegen die Finanzkrise zu klein.

Dann zwang der reiche Norden ganz Südeuropa in eine Kürzungsorgie, die Millionen Südeuropäer arbeitslos werden ließ. Der Wirtschaftsaufschwung – nicht nur im Süden – fiel deshalb erwartbar schwach aus. Er kam auch in Österreich erst nach sieben mageren Jahren und einem Anstieg auf 400.000 Arbeitslose wieder. Die Folge: Die tiefen Zinsen blieben trotzdem in Stein gemeißelt.

Das Absurde daran: Konservative Kommentatoren und wirtschaftsliberale Ökonomen zählen heute zu den härtesten Kritikern der Nullzinsen. Aber sie haben diese Situation durch ihren unerschütterlichen Glauben an unregulierte Finanzmärkte selbst mit herbeigeführt. Jede der schädlichen Politiken haben sie vorgedacht und aktiv eingefordert.

Durch Corona ist die wirtschaftliche Situation noch verfahrener als nach der Finanzkrise. Sollen die Zinsen je wieder steigen, braucht es diesmal wirklich massive Konjunkturprogramme des Staates über mehrere Jahre, nicht nur einmalig 2020.

Solange, bis das Wirtschaftswachstum wieder ordentlich steigt. Erst dann steigen auch Löhne und Preise, und die Europäische Zentralbank kann endlich den kurzfristigen Zinssatz erhöhen. Karl Marx meinte einst, die Geschichte wiederhole sich immer zweimal. Einmal als Tragödie, das zweite Mal als Farce.

Wenn die wirtschaftsliberalen Berater der Regierung aus den wirtschaftspolitischen Fehlern nach der Finanzkrise etwas gelernt haben, könnte ein kräftiger Wirtschaftsaufschwung gelingen. Dann könnten wir den Weltspartag wieder feiern – sogar mit Zinsen.

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