Reichtum hängt in Österreich meist davon ab, wie viel von den Eltern oder Großeltern durchsickert. Mit Leistung hat das nichts zu tun. Im Gegenteil, man muss nur in die richtige Familie geboren werden. Erbschaften sind der wichtigste Grund für die ungleiche Vermögensverteilung im Land. In den österreichischen Millionärshaushalten sind Menschen, die geerbt haben, überrepräsentiert.

Erbschaften sorgen dafür, dass sich Vermögen in den Händen weniger ansammelt, und dort bleibt. Denn beim Erben gilt: Wer hat, dem wird gegeben. Mehr als jeder zweite Euro, der vererbt wird, landet beim obersten Zehntel der Haushalte. Wer zum allerreichsten Prozent der Österreicher:innen gehört, erbt mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit sogar mehr als 3,3 Millionen Euro.

Dazu kommt: Wer wenig erbt, gibt das meiste davon innerhalb von zehn Jahren wieder aus. Menschen mit hohen Erbschaften können das Geld ohne Probleme liegen lassen ­– und werden so mit den Zinsen noch reicher. Sie können ihr Vermögen dann auch wieder an die nächste Generation weitergegeben, während der Großteil der Bevölkerung leer ausgeht: Sieben von zehn Menschen in Österreich erben gar nichts.

Noch mehr Geerbtes, noch weniger Steuereinnahmen

Die Bedeutung von Erbschaft wird in den nächsten Jahren zunehmen, das Erbschaftsvolumen wächst. Rund 700 Milliarden Euro werden aufsummiert in den kommenden 30 Jahren in Österreich vererbt werden – steuerfrei. Denn der Verfassungsgerichtshof hat die Erbschaftssteuer 2007 aufgehoben. Details der Steuer wurden als verfassungswidrig eingeschätzt und das Gesetz hätte überarbeitet werden müssen. Die Frist zur Bearbeitung ließ die damalige Regierung aus SPÖ und ÖVP allerdings verstreichen, weil sie sich auf keine neue Version einigen konnte. Damit wurde die Steuer indirekt abgeschafft. Dem Staat sind so seit 2008 Steuereinnahmen in Milliardenhöhe entgangen.

Aktuell wird die Erbschaftssteuer erneut diskutiert. Mit den Einnahmen könnte man etwa Maßnahmen finanzieren, die die Teuerung abdämpfen. Allen voran sollten die Sozialleistungen erhöht und an die steigenden Preise angepasst werden. Das würde vor allem Menschen mit niedrigen Einkommen entlasten, die den explodierenden Rechnungen beim Strom, Heizen und Wohnen, aber auch den hohen Lebensmittelpreisen nicht ausweichen können.

Ungleichbehandlung bei der Besteuerung

Gleichzeitig wäre eine Erbschaftssteuer der erste wichtige Schritt hin zu einer gerechteren Steuerstruktur. Die liegt in Österreich nämlich gewaltig schief: Während Arbeit in Österreich stark besteuert wird, bleibt Vermögen und Einkommen daraus beinahe unberührt. Aktuell kommen 80 von 100 Steuer-Euro von Arbeit und Konsum. Nur drei von 100 Euro werden durch vermögensbezogene Steuern finanziert. Nur sechs von 100 Euro nehmen wir ein, weil wir Gewinne von Unternehmen besteuern – in Zukunft noch weniger, denn die Steuer auf Unternehmensgewinne wird mit der Steuerreform weiter gesenkt.

Allein mit einer Erbschaftsteuer lässt sich die Steuerstruktur also nicht geraderücken. Um den Faktor Arbeit zu entlasten, müssten nicht nur Erbschaften, sondern auch Vermögen und Gewinne endlich entsprechend besteuert werden. Mehr Fairness brächte die Erbschaftssteuer allemal: Aktuell wird die Arbeit von Handwerkerinnen, Erziehern und Köchen mit mindestens 20 Prozent besteuert, während Erbschaften leistungslos und steuerfrei die Besitzer:innen wechseln.

Wer betroffen wäre

Wichtig wäre, die Erbschaftssteuer progressiv zu gestalten: Wer wenig bekommt, zahlt auch wenig. Wer mehr erbt, kann auch mehr beitragen. Sieben von zehn aller Vermögensübertragungen liegen unter 100.000 Euro. Mit einem Freibetrag, der so angesetzt ist, dass die Steuer nur die Empfänger:innen sehr hoher Erbschaften trifft, ändert sich für einen Großteil der Menschen in Österreich also gar nichts. Gleichzeitig könnte der Staat rund eine Milliarde Euro pro Jahr zusätzlich einnehmen.

Im internationalen Vergleich hinkt Österreich hinterher, Erbschaftssteuern sind unter Industriestaaten durchaus üblich: In Deutschland beispielsweise werden Erbschaften über einem Freibetrag progressiv und je nach Verwandtschaftsgrad besteuert. Niedrigere Erben an enge Verwandte unterliegen dem niedrigsten Steuersatz, je höher das Erbe und je entfernter verwandt, desto höher die Steuer. Zwei Drittel der OECD-Länder besteuern Erbschaften bereits. Österreich sollte hier dringend aufholen. Wir stehen als Gesellschaft vor großen Herausforderungen – Corona-Krise, Teuerung, Klimakrise. Es wäre an der Zeit, dass Vermögende angemessen zu deren Bewältigung beitragen.

 

Dieser Text erschien zunächst in der Momentum-Kolumne „Ausgerechnet“ bei ZackZack.

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