Wie die Inflation Sozialleistungen frisst
/
/ 6. Januar 2022

Obwohl das Leben immer teurer wird, besonders für Personen mit niedrigem Einkommen, werden viele Sozialleistungen nicht an die Inflation angepasst. Ohne Ausgleich der Teuerung verlieren sie jedes Jahr ein weiteres Stück ihres realen Werts. Gerade die oft bedürftigen Bezieher:innen dieser Sozialleistungen können den schleichenden Verlust ihrer Kaufkraft nur schlecht verkraften. Sie können sich heute weniger Güter und Dienstleistungen leisten als noch vor ein paar Jahren.  

In manchen Jahren erhöht die Politik die Beihilfen, um einen längst eingetretenen Kaufkraftverlust zumindest für künftige Jahre abzumildern. Doch die notwendige Anpassung dieser Sozialleistungen an die Teuerung erfolgt nicht regelmäßig genug und – wenn sie erfolgt – nicht ausreichend.  

„Die Familienbeihilfe müsste heute um 40 Prozent höher sein, damit sich Familien damit gleich viele Produkte und Dienstleistungen wie noch im Jahr 2000 kaufen können. Das gleiche gilt für das Pflegegeld. Menschen, die Studienbeihilfe beziehen, bräuchten um ein Viertel mehr Beihilfe, um sich das gleiche leisten zu können wie vor zwanzig Jahren“, erläutert Momentum Ökonomin Lisa Hanzl. 

Was ist seit dem Jahr 2000 passiert? Noch am Anfang der 2000er hat die Politik kaum einen Teuerungsausgleich vorgenommen. Viele wichtige Sozialleistungen sind erst rund um 2010 oder sogar später erhöht worden. Nie hat die Erhöhung ausgereicht, um den vorherigen Kaufkraftverlust tatsächlich aufzuholen. Und selbst in den Fällen, in denen die Politik – wenn auch verzögert – den Kaufkraftverlust im Jahr der Erhöhung ausgleicht, bleiben die Bezieher:innen auf den Verlusten während der Jahre zuvor sitzen.  

Sozialleistung Zuletzt erhöht
Familienbeihilfe 2018, 2016, 2014, 2003 
Bundespflegegeld 2022, 2021, 2020, 2016, 2009 
Studienbeihilfe 2017, 2008, 2000 
Schulbeihilfen (inkl. Heim- und Fahrtkostenbeihilfe)  2021, 2007
Arbeitslosengeld, Notstandshilfe, Kinderbetreuungsgeld, Wochengeld, etc.  Einkommensabhängig
Mindestsicherung Länderebene

Studienbeihilfe, Familienbeihilfe und Pflegegeld: Alle drei sind nicht mehr so viel wert wie früher

Menschen, die Familienbeihilfe oder Bundespflegegeld beziehen, gehören zu den Verlierer:innen. Die beiden Beihilfen sind für alle, die sie in Anspruch nehmen, gleich hoch – also nicht einkommensabhängig. Die Studienbeihilfe wiederum hängt ab vom Einkommen (der Eltern des Studierenden). Allen drei gemein ist: Sie wurden nur unzureichend an die Teuerung angepasst. 

Die Kaufkraft der Studienbeihilfe, also wie viele Waren und Dienstleistungen mit der monatlichen Auszahlung gekauft werden können, liegt im Vergleich zu 2000 bei nur mehr 80 Prozent. Bei Pflegegeld und Familienbeihilfe wurde die Anpassung an die Inflation noch stärker verabsäumt: die Kaufkraft ist bei beiden um rund 30 Prozent gesunken. 

Zwischen 2003 und 2014, elf Jahre lang, wurde die Familienbeihilfe nicht erhöht. Die letzte Anpassung fand 2018 statt, von EUR 111,80 auf EUR 114. Um die Kaufkraft wieder auf das Niveau von 2000 zu heben, wäre beispielsweise eine Erhöhung der niedrigsten Stufe (von Geburt des Kindes bis zum 3. Geburtstag) auf EUR 156,31 nötig.  

So gingen etwa einer Familie mit einem Kind, das 2000 geboren wurde, aufgrund der Inflation bis 2021 insgesamt über EUR 7.300 an Familienbeihilfe verloren.1 Hohe Verluste ergeben sich auch aus den unzureichenden Anpassungen anderer Beihilfen: Ein:e Student:in, die ab 2015 bis heute (Maximaldauer: sechs Jahre) den Höchstsatz der Studienbeihilfe bezogen hat, ist durch die Nicht-Anpassung an die Inflation insgesamt um knapp EUR 3.000 umgefallen. 

Die Schüler:innen- und die Heimbeihilfe wurden im November 2021 das erste Mal seit 14 Jahren angepasst. Das Pflegegeld wurde seit 2020 jährlich um den jeweiligen Anpassungsfaktor erhöht. Für 2022 sind das 1,8 Prozent, allerdings stellt auch diese Erhöhung nicht annähernd die Kaufkraft von 2000 wieder her. 

„Obwohl die Preise jedes Jahr steigen, sind einige Sozialleistungen nicht an die Teuerung gekoppelt. Menschen, die auf diese Beihilfen angewiesen sind, können sich so immer weniger leisten“, erklärt Lisa Hanzl, Ökonomin am Momentum Institut. Auch angesichts aktuell steigender Inflationsraten empfiehlt sie, die Erhöhung der Beihilfen in ausreichendem Maß nachzuholen.  

Neuigkeiten einmal die Woche in deiner Mailbox - der Momentum Institut Newsletter

Ich bin einverstanden, einen regelmäßigen Newsletter zu erhalten. Mehr Informationen: Datenschutz.