Der Sozialstaat schützt fast 600.000 Menschen in Österreich vor Armut

Sozialleistungen schützen fast 600.000 Menschen in Österreich vor Armut.

The Humantra/Unsplash

/ 10. August 2021

Arbeitslose Menschen in Österreich leben in prekären ökonomischen Verhältnissen. In der Corona-Krise hat sich die Lage während der Arbeitslosigkeit weiter verschärft. Das zeigt eine Untersuchung von SORA im Auftrag des Momentum Instituts zur wirtschaftlichen Situation von Arbeitslosen in Österreich, für die 1.214 arbeitslose Personen repräsentativ ausgewählt und befragt wurden.

Finanzielle Situation vor und in der Arbeitslosigkeit

Das Arbeitslosengeld soll das materielle Überleben von Arbeitslosen sicherstellen. Seit sie ihren Job verloren haben, müssen 97 Prozent der Befragten mit unter 1.400 Euro netto im Monat auskommen. Rund neun von zehn Befragten befinden sich mit unter 1.200 Euro monatlichem Einkommen deutlich unter der Armutsgrenze. Fast alle Arbeitslosen leben somit an oder unter der Armutsgrenze, die in Österreich 2021 für einen Ein-Personen-Haushalt bei 1.328 Euro liegt.

Das niedrige Einkommen der arbeitslosen Personen liegt einerseits am international vergleichsweise niedrigen Arbeitslosengeld in Österreich, das als Grundbetrag nur 55 Prozent des vorherigen Nettoeinkommens ausbezahlt. Einen Mindestbetrag gibt es beim Arbeitslosengeld nicht. Andererseits werden Menschen mit niedrigeren Arbeitseinkommen häufiger arbeitslos. Finanziell besonders hart trifft es daher jene Menschen, die bereits vor ihrer Arbeitslosigkeit ein geringes Einkommen hatten: 63 Prozent der befragten Arbeitslosen verdienten im letzten Job weniger als 1.400 Euro netto pro Monat.

Arbeitslose Frauen besonders gefährdet

In der unterschiedlichen Höhe des Arbeitslosengeldes spiegeln sich bestehende Ungleichheiten wider, etwa zwischen Männern und Frauen. So erhalten 52 Prozent der Frauen ohne Kind ein Arbeitslosengeld in der Höhe von maximal 800 Euro pro Monat, bei Männern ohne Kind sind es 30 Prozent. Noch deutlicher fällt der Unterschied bei Eltern aus: Während 55 Prozent aller Mütter maximal 800 Euro erhalten, sind es bei den Vätern nur 14 Prozent.

Arbeitslose auf zusätzliche Strategien zur Existenzsicherung angewiesen

In vielen Fällen versagt das Arbeitslosengeld in seine Funktion der Existenzsicherung. Drei von vier befragten Arbeitslosen müssen auf weitere Strategien zur Existenzsicherung zurückgreifen: Mehr als die Hälfte aller Arbeitslosen (58 Prozent) braucht zusätzlich zum Arbeitslosengeld auch eigene Ersparnisse auf – sofern vorhanden. Andere sind wiederum auf Gelegenheitsarbeiten angewiesen. Ein Viertel aller Arbeitslosen muss Freunde oder Familienmitglieder um Geld bitten.

Armutsgefährdung: materielle Sorgen, soziale Ausgrenzung

Die Armutsgefährdung liegt unter Arbeitslosen 3,5 mal so hoch wie unter abhängig Beschäftigten. Unerwartete Ausgaben sind für 75 Prozent der befragten Arbeitslosen existenzbedrohend: Sie wären aktuell nicht in der Lage, Ausgaben in der Höhe von 1.290 Euro zu finanzieren (1.290 Euro: monatliche Armutsgefährdungsschwelle lt. EU-SILC-Erhebungsbogen 2021). Ein einwöchiger Urlaub ist ebenfalls für drei Viertel der Befragten undenkbar. Vier von zehn Arbeitslosen können sich keine neue Kleidung kaufen. Zwischen einem Viertel und einem Fünftel aller Arbeitslosen kann es sich nicht leisten, mehrmals die Woche Fleisch, Fisch oder eine entsprechende vegetarische Speise zu essen oder die gesamte Wohnung warm zu halten. 18 Prozent glauben nicht, dass sie die nächsten sechs Monate die Miete bezahlen werden können. Die finanziell prekäre Situation der Arbeitslosen führt auch zu sozialer Ausgrenzung: Die Hälfte aller Arbeitslosen kann es sich etwa nicht leisten, Bekannte oder Familienmitglieder nach Hause zum Abendessen einzuladen.

Armutsgefährdung: Produktions- und Dienstleistungsarbeiter:innen besonders betroffen

Die Ursachen für die Armutsgefährdung findet man zum Teil bereits vor der Arbeitslosigkeit: In einigen Branchen sind die Löhne so gering, dass auch die Beschäftigten bereits als armutsgefährdet gelten. Besonders betroffen sind Arbeiter:innen im Produktions- und Dienstleistungssektor:  Handwerker:innen oder Logistikmitarbeiter:innen erleben die Arbeitslosigkeit ebenso wie Kinderbetreuer:innen, Pflegebeschäftigte oder Supermarktangestellte mehrheitlich als existenzbedrohend.

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