

Österreichs Arbeitsmarkt friert ein. Wer arbeitslos wird, findet heute fast so schwer zurück in die Beschäftigung wie während der Corona-Krise. Im Jahresdurchschnitt schafft nur noch gut jede zehnte arbeitslose Person den Sprung in einen Job. Bei jungen Menschen sind die Chancen sogar schlechter als während der Pandemie. Das ist der Kontext, in dem derzeit über Arbeitslose gesprochen werden müsste.
Stattdessen klingt die Debatte oft so, als fehle es vor allem an Motivation. Doch wer Arbeitslosigkeit zu einer Frage des persönlichen Wollens erklärt, ignoriert die wirtschaftliche Realität. Wenn auf eine offene Stelle mehrere Arbeitslose kommen, können sich noch so viele Menschen anstrengen, am Ende bekommt nur eine Person den Job.
Gleichzeitig bedeutet Arbeitslosigkeit hierzulande für viele Armut. Mehr als die Hälfte der Arbeitslosen ist armutsgefährdet, deutlich mehr als im EU-Durchschnitt. Das hat auch mit dem niedrigen Arbeitslosengeld zu tun. Es ersetzt nur 55 Prozent des früheren Nettoeinkommens. Seit Jahresbeginn wurde ihre Lage noch einmal verschärft: Geringfügiger Zuverdienst zum Arbeitslosengeld ist, von Ausnahmen abgesehen, nicht mehr möglich. Die Idee dahinter: Mehr finanzieller Druck soll Menschen schneller in reguläre Beschäftigung bringen. Nur funktioniert diese Rechnung nicht, wenn die Jobs fehlen. Wer keine Stelle findet, weil Unternehmen weniger einstellen, wird durch weniger Einkommen keinen Arbeitsplatz herbeizaubern. Er wird schlicht ärmer.
Die Politik kann fehlende Arbeitsplätze nicht dadurch ersetzen, dass sie Arbeitslose stärker unter Druck setzt. Gerade wenn die Konjunktur schwach ist und die Jobsuche länger dauert, muss die Arbeitslosenversicherung tun, wofür sie da ist und den Einkommensverlust abfedern. Eine Nettoersatzrate von 70 Prozent würde verhindern, dass der Verlust des Arbeitsplatzes allzu schnell zum sozialen Absturz führt. Wer gerade keinen Job findet, braucht keine zusätzliche Strafe für eine Wirtschaftslage, die er nicht verursacht hat.
Dieser Text erschien zunächst als Gastkommentar in der ‚Tiroler Tageszeitung‘.