

Die Debatte rund um den ORF zeigt ein bekanntes Muster. Zuerst wird über den konkreten Vorwurf gestritten. Dabei zeigt die Forschung längst, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kein Ausrutscher ist.
Wenn über sexuelle Belästigung diskutiert wird, passiert fast immer dasselbe: Zuerst geht es um den Einzelfall. Um Aussagen, Vorwürfe, Glaubwürdigkeit, Timing. Dabei zeigt die Forschung seit Jahren etwas anderes. Sexuelle Belästigung ist in vielen Arbeitsumfeldern kein Ausrutscher, sie ist Teil einer Arbeitskultur. Eine Studie zu männerdominierten Branchen in Niederösterreich zeigt etwa, dass 57 Prozent der Frauen bereits sexuelle Belästigung im Job erlebt haben. Fast jede zehnte berichtet sogar von körperlichen Übergriffen.
Ähnliche Ergebnisse finden sich in anderen Branchen. In der Medizin berichten viele Ärztinnen von sexueller Belästigung im Arbeitsalltag, häufig durch Vorgesetzte oder Kollegen, teilweise auch durch Patienten. Studien zeigen, dass solche Erfahrungen gerade in hierarchischen Systemen wie Krankenhäusern besonders schwer zu melden sind. Für viele junge Ärztinnen gehört der Umgang mit solchen Situationen deshalb leider zum Berufsstart. Auch im Gastgewerbe sind die Zahlen hoch. Internationale Untersuchungen zeigen, dass ein großer Teil der Beschäftigten, vor allem Frauen, im Laufe ihrer Karriere sexuelle Belästigung erlebt.
Frauen verlassen nach solchen Erfahrungen häufiger ihren Arbeitsplatz oder gleich die ganze Branche. Besonders betroffen sind junge Frauen am Beginn ihrer Karriere. Wer früh lernt, dass bestimmte Arbeitsumfelder mit Grenzüberschreitungen verbunden sind, zieht oft die naheliegende Konsequenz: gehen. Die wirtschaftlichen Kosten sind erheblich. Hohe Fluktuation, verlorenes Know-how und sinkende Produktivität sind die wirtschaftlichen Folgen von sexueller Belästigung.
Solange Organisationen das Problem erst im Krisenmodus bearbeiten, bleibt die Struktur unverändert und bis der nächste “Einzelfall“ auftaucht, ist es nur eine Frage der Zeit.
Dieser Text erschien zunächst als Gastkommentar in der Kleinen Zeitung.